Es gibt ein Muster, das mir in meiner Arbeit immer wieder begegnet. Eine Frau kommt zum Erstgespräch, erzählt mir von Jahren voller Erschöpfung, Selbstzweifel und dem Gefühl, „irgendwie anders" zu sein. Sie hat gegoogelt, Bücher gelesen, Podcasts gehört. Sie vermutet bei sich ADHS. Vielleicht Autismus. Vielleicht beides.
Und dann stelle ich irgendwann die Frage, die selten gestellt wird: „Hatten Sie in der Schule das Gefühl, dass die meisten Dinge zu langsam gehen?" Die Antwort kommt oft zögerlich, fast verlegen. „Ja, eigentlich schon. Aber ich bin nicht hochbegabt oder so. Ich meine — ich hab's ja nur irgendwie durchgezogen."
Genau hier liegt die Lücke. Und sie ist riesig.
Die Diskussion, die geführt wird — und die, die fehlt
Wenn du die letzten zwei Jahre auf Instagram, TikTok oder in den großen Feuilletons mitgelesen hast, weißt du: Neurodivergenz ist endlich ein Thema. Autismus bei Frauen wird diskutiert, ADHS bei Frauen wird diskutiert, AuDHD (die Kombination aus beidem) wird diskutiert. Das ist gut. Das war überfällig.
Aber ein Teil dieser Diskussion fehlt fast immer: Hochbegabung. Dabei gehört auch sie zur Neurodivergenz. Genauso wie ADHS und Autismus beschreibt Hochbegabung eine Art, wie ein Gehirn anders funktioniert — schneller, intensiver, mit anderer Wahrnehmungstiefe. Und genauso wie bei ADHS und Autismus wird Hochbegabung bei Frauen systematisch übersehen.
Nur dass beim Thema Hochbegabung kaum jemand darüber spricht.
Was die Forschung weiß
Ich fange mit einer Zahl an, weil sie fast jede Frau, der ich sie erzähle, still werden lässt: 65 Prozent der hochbegabten Mädchen verstecken aktiv ihre Fähigkeiten. Bei Jungen sind es 15 Prozent.
Diese Zahl stammt aus einer klassischen Studie von Buescher und Kollegen aus den späten 1980er Jahren — und sie wurde seitdem in diversen Untersuchungen immer wieder bestätigt. Gifted Girls lernen früh, sich kleiner zu machen. Sie lernen, dass Klugheit bei Mädchen anders bewertet wird als bei Jungen. Sie lernen, dass „zu viel" ein Problem ist.
Die Mensa Foundation hat erst vor Kurzem in einem Bericht festgehalten, dass Hochbegabung eine der am wenigsten sichtbaren Dimensionen weiblicher Identität ist — eine Form der Verschiedenheit, die unerkannt bleibt, weil sie nicht den dominierenden Normen entspricht. Viele Frauen internalisieren früh die Erwartung, ihre intellektuelle Präsenz zu dämpfen, um dazuzugehören.
Und hier kommt der Punkt, der die meisten Frauen in meiner Arbeit wirklich trifft:
Hochintelligente und hochbegabte Personen werden bei ADHS- und Autismus-Diagnosen häufig übersehen, weil ihre kognitiven Fähigkeiten die Herausforderungen kompensieren.
Das bedeutet: Wenn eine Frau hochbegabt und neurodivergent ist — ADHS, Autismus, oder beides — ist sie statistisch gesehen doppelt unsichtbar. Ihr Gehirn kompensiert so gut, dass die Schwierigkeiten jahrelang nicht auffallen. Und wenn sie dann zusammenbricht, weil die Kompensation nicht mehr reicht, wird ihr „Burnout" oder „Depression" diagnostiziert. Selten jemand schaut tiefer.
Warum du dich vielleicht nie als „hochbegabt" gesehen hast
Wenn du jetzt denkst „Das mag auf andere zutreffen, aber ich bin nicht hochbegabt" — dann bist du in guter Gesellschaft. Genau das denken fast alle.
Es gibt mehrere Gründe dafür, und sie haben alle mit dem zu tun, was das Wort „hochbegabt" in unserem Kopf auslöst. Die meisten Frauen stellen sich unter Hochbegabung ein Kind vor, das mit vier Jahren Einstein liest. Ein Wunderkind. Eine Ausnahmeerscheinung, die in einer Art Sonderwelt lebt.
Die Realität ist langweiliger und gleichzeitig viel schmerzhafter:
- Hochbegabung heißt nicht „leicht". Viele hochbegabte Frauen haben sich durch Schule und Studium gekämpft — nicht weil der Stoff zu schwer war, sondern weil das System nicht zu ihrem Denken passte.
- Hochbegabung heißt nicht „top Noten". Gifted Girls, die sich langweilen, werden oft auffällig oder zurückgezogen. Manche rutschen in der Leistung ab, weil sie aufhören, sich zu engagieren. Andere werden perfektionistisch und reiben sich auf.
- Hochbegabung heißt nicht „erfolgreich". Studien zeigen, dass hochbegabte Frauen häufig unter ihrem Potenzial bleiben — nicht aus Unfähigkeit, sondern weil sie gelernt haben, sich anzupassen, statt sich zu entfalten.
Und dann gibt es noch den Klassiker, den ich aus meiner eigenen Geschichte kenne: Wenn du als Frau hübsch bist, wird dir Klugheit nicht zugetraut. Wenn du klug bist, wird deine Weiblichkeit hinterfragt. Beides zusammen? Überfordert viele Menschen. Und weil niemand beides gleichzeitig sein darf, machen sich viele Frauen in einem der beiden Bereiche kleiner.
Die Verwandtschaft zwischen Hochbegabung und den anderen Formen von Neurodivergenz
Hier wird es interessant, denn die Symptombilder überschneiden sich massiv. Viele Menschen, die sich für ADHS halten, sind hochbegabt. Viele, die sich für hochbegabt halten, haben ADHS. Und ein großer Teil hat beides.
Gemeinsamkeiten:
- Schnelles, assoziatives Denken, das oft wirkt, als würde es in alle Richtungen gleichzeitig laufen
- Hohe Wahrnehmungsintensität — soziale Stimmungen, Lichtverhältnisse, Geräusche, ungelöste Probleme werden intensiver aufgenommen
- Eine Art innerer Unruhe, die sich erst beruhigt, wenn etwas wirklich Interessantes zu tun ist
- Starke Sensibilität für Ungerechtigkeit, Unstimmigkeit, emotionale Dissonanz
- Schwierigkeiten mit Routinen, die keinen Sinn haben, oder mit Regeln, die nicht erklärt werden
- Das Gefühl, anders zu denken als die meisten Menschen — schon als Kind
Das Problem ist, dass diese Symptome je nach Blickwinkel ganz verschieden eingeordnet werden. Eine ADHS-Diagnostikerin sieht ADHS. Eine Autismus-Diagnostikerin sieht Autismus. Eine Hochbegabungs-Expertin sieht Hochbegabung. Und die Wahrheit ist oft: alles drei — oder eine Kombination, die sich gegenseitig verstärkt und maskiert.
Warum das wichtig ist
Wenn du dein ganzes Leben als „zu viel", „zu intensiv", „zu sensibel" oder „zu kompliziert" gelebt hast, und plötzlich verstehst, dass dein Gehirn einfach anders arbeitet — anders, nicht falsch — dann verändert sich etwas Fundamentales. Nicht weil ein Etikett dich heilt. Sondern weil du zum ersten Mal aufhören kannst, gegen dich selbst zu kämpfen.
Viele Frauen, mit denen ich arbeite, haben jahrelang versucht, sich „normal" zu machen. Sie haben sich Routinen aufgezwungen, die für andere funktionieren. Sie haben Jobs angenommen, die zu wenig von ihnen verlangten, weil sie nicht „zu ehrgeizig" wirken wollten. Sie haben Beziehungen aufrechterhalten, in denen sie sich langweilten, weil sie glaubten, das liege an ihnen.
Die Erkenntnis, dass sie hochbegabt sind — vielleicht zusätzlich neurodivergent — ist selten ein Schock. Sie ist fast immer eine Erleichterung. Endlich eine Erklärung für das, was sie immer gespürt haben.
Manchmal verändert ein neuer Blick nicht nur eine Diagnose. Sondern die gesamte Identität.
Was jetzt?
Wenn du beim Lesen dieses Textes Dinge wiedererkannt hast, die du selten laut sagst — wenn sich etwas in dir gemeldet hat, das sagt „vielleicht betrifft mich das" — dann ist der nächste Schritt kein großer. Er ist ein ruhiger, klarer, innerer Schritt: Ich will das ernst nehmen.
Das heißt nicht, dass du sofort eine Diagnose brauchst. Das heißt nicht, dass du alles in deinem Leben umkrempeln musst. Es heißt nur, dass du dir erlaubst, die Frage zu stellen: Was wäre, wenn ich mich nie wirklich verstanden habe? Und was würde sich ändern, wenn ich anfange, das zu tun?
Genau dort setzt Selfera an. Nicht mit Diagnosen. Sondern mit Klarheit.
Buescher, T. M. et al. (1987): Studien zu gifted adolescents und dem Verstecken von Fähigkeiten, später aufgegriffen in Reis, S. M. (1998): Work left undone.
Mensa Foundation (2026): Women, Giftedness, and the Quiet Cost of Being Overlooked.
Specialisterne (2023): Supporting Late-Diagnosed Neurodivergent Employees — zur Kompensationsthese bei hochbegabten Neurodivergenten.
Brown, J. et al. (2022): Systematic Literature Review: Professional Situation of Gifted Adults. Frontiers in Psychology.
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